Bildung für die Zukunft


Am 23. September 2006, wenige Monate nach dem Bekanntwerden der besorgniserregenden PISA-Ergebnisse durch einen OECD-Bericht, wurde „Bildung für Zukunft“ unter Anwesenheit von Staatsministerin Maria Böhmer, Vizepräsident der Kultusministerkonferenz und Bildungssenator in Berlin Klaus Böger, dem Ersten Botschaftsrat der Republik Türkei in Berlin Kemal Tüzün, Vertretern der Presse, Eltern und Lehrern sowie Vorsitzenden der initiierenden Verbände Türkische Gemeinde in Deutschland, Bund der Türkischen Lehrervereine in Deutschland und Bundesverband Türkischer Studierendenvereine der Öffentlichkeit vorgestellt.

Ziele der Bildungskampagne:

In 5 Jahren den Anteil der türkischstämmigen Elternvertreter/innen dem Anteil der türkischstämmigen Schüler/innen in den Schulen anpassen

Zahl der türkischstämmigen Schülervertreter/innen in den Schulen steigern

Zahl der türkischstämmigen Schüler/innen ohne Abschluss halbieren / mit Mittlerem Abschluss verdoppeln / mit Abitur deutlich verbessern

Zielgruppen der Bildungskampagne:

Türkischstämmige Eltern

Türkischstämmige Schüler/innen

Schulen

10 Punkte für mehr Teilhabe:

  • Schaffung von mehr Bildungsbewusstsein in den Medien
  • Internetpräsenz
  • Bildungsbotschafter/innen der TGD
  • Einrichtung einer „ELTERN-SCHULE“
  • Türkischstämmige Abiturient/innen nach Berlin
  • Bildung- LKWs
  • „Sag Hallo zu dem Lehrer deines Kindes!“
  • Good- Practice Schulen
  • Mentoren für Schüler/innen
  • Erstellung von Informationsmaterialien
Redebeitrag des Bundesvorsitzenden der FÖTED
Dr. Ertekin Özcan zur Vorstellung der Bildungskampagne


Verehrte Frau Staatsministerin, Prof. Dr. Maria Böhmer,
Verehrter Herr Vizepräsident der Kultusministerkonferenz und
Bildunsenator in Berlin, Klaus Böger
Verehrter Herr 1. Botschaftsrat der Republik Türkei in Berlin Kemal Tüzün,
Lieber Kenan Kolat, Bundesvorsitzender der TGD,
Lieber Nihat Sorgeç, Vizepräsident der Türkisch-Deutschen Industrie-
Liebe Gülseren Doğaner 2. Vorsitzender der ATÖF
und Handelskammer
Sehr geehrte VertreterInnen der Presse
Liebe Gäste, Liebe Eltern, liebe LehrerInnen,

ich möchte Sie im Namen der FÖTED, eine der Mitverantalter der Bildungskampagne
BILDUNG FÜR ZUKUNFT herzlich begrüßen.
Meine verehrten Damen und Herren!
Unsere stellvertretende Vorsitzende, Frau Berrin Alpbek wird Ihnen unsere
gemeinsame Bildungskampagne BILDUNG FÜR ZUKUNFT noch vorstellen.
Erlauben Sie mir, dass ich die Situation türkischer Kinder und Jugendlicher in
Deutschland, ihre Probleme und deren Ursachen sowie Lösungsvorschläge und
Forderungen aus unserer Sicht, aus der Sicht der Betroffenen Interessenverbände
zusammenfasse.

Zur Situation der SchülerInnen nichtdeutscher und türkischer Herkunftssprache

Wie unserer Bundespräsident in seiner „Berliner Rede“ sagte: „ In Deutschland leben
über 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. Die Hälfte davon hat einen
deutschen Pass. Heute hat jedes vierte Neugeborene in Deutschland mindestens einen ausländischen Elternteil; in wenigen Jahren werden etwa 40 Prozent der Menschen in Deutschlands Großstädten eine Migrationsgeschichte haben.“ Der Anteil der Kinder und Jugendlicher wird höher als erwachsene .
Durch die Ergebnisse der internationelen PISA-Studien wurden belegt, dass es dem
deutschen Schulsystem nicht gelungen ist, sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche ausreichend zu fördern. Zu dieser Gruppe zählen meist SchülerInnen nichtdeutscher und türkischer Herkunft.
Nach den Zahlen aus dem Jahr 2003/2004 verließen etwa 32% SchülerInnen deutscher Herkunf die Schule ohne Abschluss oder mit einem einfachen Haupsculabschluss.
Im selben Schuljahr verließen etwa 60 % SchülerInnen mit ausländischem Pass die
Schule ohne Abschluss oder mit einem einfachen Hauptschulabschluss (Statistisches
Bundesamt Deutschland, Oktober 2005).
Die Schulabschlüsse türkischer SchülerInnen liegen prozentual noch unter den oben
genannten Zahlen.
Diese Zahlen zeigen auf, dass 32% der SchülerInnen deutscher und 60% nicht
deutscher Herkunft keinen Ausbildungsplatz finden können.

Zur Situation der Eltern und Familien türkischer Herkunft

Da die schulische Situation der Kinder auch von der familiären Situation abhängig ist,
möchten wir an dieser Stelle kurz generationsübergreifend die Situation türkischer
Eltern/Familien und ihre Probleme darstellen:
Der größte Teil der Eltern türkischer Herkunft bildet die sozial schwächste Gruppe
in der Bevölkerung. Die Arbeitslosigkeit ist bei ihnen zweimal höher als bei
Deutschen.
Die Sprachbarriere hindert den größten Teil der türkischen Eltern an
Elternabenden und sonstigen Sitzungen der Schulgremien teilzunehmen. Man kann
Eltern türkischer Herkunft folgendermaßen grob klassifizieren:
Etwa ¼ der Eltern türkischer Herkunft interessiert sich sehr für die
Schulbelange ihrer Kinder. Sie sind in der Lage, sich an den Schulen und in
Schulgremien zu artikulieren, sie nehmen an den Elternabenden regelmäßig teil und
sprechen die LehrerInnen ihrer Kinder öfters an. Sie bemühen sich darum, dass ihre
Kinder an den Schulen erfolgreich sind und mit einem guten Abschluss die Schulen
absolvieren. Diese Gruppe der Eltern kann man als bildungsbewusste und
bildungsnahe Eltern bezeichnen.
Ein weiterer Teil der Eltern (¼) interessiert sich zwar ebenfalls für die Belange
ihrer Kinder, ist aber sprachlich nicht in der Lage an Elternabenden teilzunehmen
und ihre Kinder angemessen zu unterstützen.
Eine dritte Gruppe von Eltern, die etwa die Hälfte der Eltern türkischer
Herkunft ausmacht, ist weder sprachlich noch sozial in der Lage, sich um die
schulischen Angelegenheiten ihrer Kinder zu kümmern. Man kann diese Gruppe als
sozial- und bildungsschwache Eltern bezeichnen.
Sowohl die Föderation als auch die Mitgliedsvereine leisten einen wichtigen Beitrag in
den jeweiligen Bundesländern zur Verbesserung der Lage der SchülerInnen türkischer
Herkunft. Bspw. bieten wir folgende Dienstleistungen durch die Aktivitäten unserer
Mitgliedsvereine in den Bundesländern an:

  • Zehntausende Eltern werden jährlich telefonisch von unseren  Vereinen informiert.
  • Unsere Vereine werden von tausenden Eltern persönlich aufgesucht, um sich fachlich beraten zu lassen. Zudem stehen ihnen bei Bedarf Begleitungen bei Schul- und Behördengängen zur Verfügung.
  • Unsere Vereine werden von tausenden SchülerInnen aufgesucht, die durch Hausaufgaben-betreuung unterstützt werden oder denen NachhilfelehrerInnen vermittelt werden.
  • Hunderte von Informationsveranstaltungen, die sich sowohl an SchülerInnen als auch an Eltern richten, werden organisiert und durchgeführt.
  • Feierlichkeiten, wie der Internationale Kindertag „23 Nisan“, werden in ca. 30 Städten der Bundesrepublik interkulturell gefeiert.
  • Um auch deutsche Einrichtungen und Behörden sowie die Öffentlichkeit zu informieren, nehmen wir an diversen Veranstaltungen und Symposien teil.

Zudem beteiligen wir uns an verschiedenen Sitzungen der Eltern- und
Schulgremien auf Bundes-, Landes- und Kreisebene, um die Interessen unserer
Kinder, Jugendlichen und Eltern zu vertreten. Um die Bildungs- und Erziehungssituation der Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache und aus sozialschwachen Familien zu verbessern, fordern wir als FÖTED – Föderation türkischer Elternvereine in Deutschland-, die Kultusministerkonferenz, die Bundesländer und die PolitikerInnen auf Landes und Bundesebene auf eine tiefgreifende und radikale Reform des deutschen Erziehungs- und Schulsystems zu starten, die folgende Punkte beinhalten sollte:

1. Ein verbindlicher und kostenloser Ganztagsbesuch der Kindertagesstätte ab
dem dritten Lebensjahr sollte eingeführt werden und die qualifizierte
Früherziehung und Frühsprachförderung aller Kinder sowie Ausstattung der
ErzieherInnen mit interkulturellen Kompetenzen sollten gesichert werden.
2. Der gemeinsame Unterricht aller SchülerInnen bis zur 10. Klasse sollte
eingeführt werden. Die verbindliche und kontinuierliche Durchführung des
Unterrichts mit „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) sollte umgehend umgesetzt
werden. Dieser fällt zurzeit viel zu oft aus. Die Vorgabe der Politik:
“Pflichtunterricht geht vor Förderunterricht” sollte abgeschafft werden.
3. Um die Lücke der sozial- und bildungsschwachen Eltern zu schließen, sollte ein
flächendeckendes Angebot von Ganztagschulen realisiert werden.
Bundesregierung hat 4 Mio. ù dafür vorgesehen. Das reicht nicht aus. Die
Bundesregierung und Landesregierungen sollten noch mehr Gelder in Bildung
investieren.
4. Unsere Kinder wachsen zumeist in einem zweisprachigen und multikulturellen
Umfeld auf und werden zugleich in deutscher und in türkischer Sprache sowie
Kultur sozialisiert. Zu Hause werden die Kinder sowohl von den deutschsprachigen
als auch von türkischsprachigen Massenmedien geprägt. Insofern lebt die Mehrheit
aller Kinder türkischer Herkunft mehr oder weniger in Zweisprachigkeit. Diese
natürliche Zweisprachigkeit sollte aus diesem Grunde sowohl in den vorschulischen
Einrichtungen als auch in den Schulen unterstützt werden Daher sollten die
vorschulischen Erziehungseinrichtungen und die Schulen -ausgehend von der
Tatsache der Multikulturalität und Mehrsprachigkeit– reformiert werden.
Neben Deutsch sollten die großen Minderheitensprachen, wie Türkisch als
Muttersprache, Schritt für Schritt in das Erziehungsprogramm in den KITAS und in
den Rahmenplan der Schule aufgenommen werden. Ab der ersten Klasse sollte
Türkisch als Muttersprache in den Stundenplan mit vier Stunden pro Woche als
zeugnis- und versetzungsrelevantes Fach mit einem interkulturellen Ansatz
angeboten werden. Das Angebot von Türkisch als 2. Fremdsprache sollte in den
Gesamt- und Realschulen sowie Gymnasien erweitert werden. Die Erweiterung des
Faches Türkisch als Prüfungsfach und Leistungskurs im Abitur in Gymnasien und in
den Oberstufen der Gesamtschulen sollte gewährleistet.
5. Die “Zweisprachige Erziehung” und die “Staatlichen Europaschulen” in Berlin und
in anderen Bundesländern sollten ausgebaut werden. Die Einstellung
muttersprachlicher Lehrkräfte mit Migrationshintergrund sollte gesichert und
ausgeweitet werden
6. Die Qualitätserhöhung und Qualitätssicherung der Aus-, Fort- und
Weiterbildung der ErzieherInnen und LehrerInnen sollten entsprechend der
Vielfalt der Kulturen, der Schulen und Gesellschaft gesichert werden.
7. Eltern nichtdeutscher Herkunftssprache und aus sozialschwachen Schichten
sollten ihre Rechte und Pflichten gegenüber der Schule gut kennen. Sie sollten
aktiv am Schulleben ihrer Kinder teilnehmen und sich zu ElternvertreterInnen
wählen lassen. Eltern, die nicht über genügende Deutschkenntnisse verfügen,
sollten Deutschkurse besuchen, die kostenlos angeboten werden sollten.
8. Als FÖTED haben wir bundesweit über 60 Mitgliedervereine und etwa 6.000
Einzelmitglieder. Etwa 10% dieser Einzelmitglieder sind bundesweit aktiv. Bei den
Mitgliedsvereinen fehlt es oft an stabiler Infrastruktur, an Fachkompetenz, an
Fähigkeit und an Kontinuität.

Wir brauchen sowohl finanzielle als auch ideelle
Starthilfe, um ihr ehrenamtliches Engagement und ihre Befähigung zu erweitern und
zu festigen. Um die Sensibilierung und Motivation der Eltern türkischer Herkunft im
Erziehungs- und Bildungsbereich zu stärken, sowie ihre Teilnahme an den
Schulgremien zu erhöhen, sollten die Projekte der FÖTED, ihre Mitgliedsvereine
sowie andere Dachverbände im Erziehungs und Bildungsbereich durch die Bundesund
Landesministerien gefördert werden.