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Hakan oder Tim - wer kriegt die Ausbildung?

von Kathrin Erdmann, NDR Info
Bei identischen Bewerbungen hatten Schüler mit türkischen Namen schlechtere Rückmeldungen. Jugendliche aus Einwandererfamilien werden offensichtlich allein aufgrund ihres Namens von vielen Ausbildungsbetrieben in Deutschland diskriminiert. Das weist erstmals eine großangelegte Studie nach, die NDR Info bereits vor der Veröffentlichung am Mittwoch in Berlin vorlag. Dabei wurden im Auftrag des Forschungsbereichs des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration knapp 1.800 Unternehmen auf die Probe gestellt.
"Ich habe mehr als 40 Bewerbungen geschrieben"

Die 18 Jahre alte Imman kennt das Problem. Sie ist Schülerin der Pestalozzi-Schule in Hannover. Imman wird dieses Jahr die Schule mit einem Realschulabschluss verlassen. "Ich habe mich in verschiedenen Berufen beworben, mehrmals als Malerin und Lackiererin, dann auch für Büromanagement und als Verwaltungsfachangestellte. Ich habe mehr als 40 Bewerbungen geschrieben." Doch einen Ausbildungsplatz hat die Schülerin noch nicht. Stattdessen hörte das Mädchen aus polnisch-arabischem Elternhaus oft, man habe schlechte Erfahrungen mit Zuwandererkindern gemacht: "Das kommt ein bisschen schlecht 'rüber, wenn man das hört, wenn man selber nicht ganz deutsch ist. Ich war halt schon ein bisschen unmotivierter als sonst."
Wer türkischen Namen trägt, muss sich mehr engagieren

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Die Erfahrungen des Mädchens decken sich mit den Ergebnissen der Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Das ist ein Zusammenschluss mehrerer großer Stiftungen. Für die Untersuchung haben sie an 1.794 Unternehmen je zwei Bewerbungen geschickt. Ein Jugendlicher hatte einen deutsch klingenden, ein anderer einen türkisch klingenden Namen. Ergebnis: "Schon beim Zugang zu Ausbildung sind die Chancen ungleich verteilt. Schüler mit einem türkischen Namen haben, auch wenn sie völlig gleiche Noten und Qualifikationen nachweisen, deutlich schlechtere Chancen und Aussichten zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden als Schüler mit einem deutschen Namen." Der Forschungsleiter des Sachverständigenrates, Jan Schneider, sagte NDR Info, wer einen türkischen Namen trägt, müsse im Durchschnitt zwei Bewerbungen mehr schreiben als ein Schüler mit deutschem Namen.

Und die Bewerber brauchten auch ein dickeres Fell: "Zum einen kriegen unsere türkischen Bewerber seltener eine Einladung zum Vorstellungsgespräch, zum anderen ist es aber auch so, dass sie häufiger komplett ignoriert werden und überhaupt keine Rückmeldung bekommen." Und in den Fällen, in denen sie eine Rückmeldung bekommen, sei es auch so, dass sie im Vergleich zu den Deutschen häufiger eine direkte Ablehnung bekommen.

In kleinen Betrieben ist die Diskriminierung schlimmer

Jugendliche türkischer Herkunft müssen sich zudem häufiger duzen lassen. Und noch ein Unterschied werde deutlich: In den zwei exemplarisch getesteten Ausbildungsberufen KfZ-Mechatroniker und Bürokaufmann ist die Diskriminierung unterschiedlich groß. Die Gründe dafür liegen aus Sicht von Schneider unter anderem in der unterschiedlichen Unternehmensgröße. "Es wird deutlich, dass bei den Unternehmen unter sechs Mitarbeitern die Diskriminierung am stärksten ausgeprägt ist." Bei mittleren und großen Unternehmen gebe es viel weniger Diskriminierung. Im Bereich der Bürokaufleute sei bei den großen Unternehmen Diskriminierung kaum mehr messbar.

Anonymisierte Bewerbungen als Ausweg?

Der Sachverständigenrat Deutscher Stiftungen für Integration und Migration zieht daraus den Schluss: "Wir brauchen mehr interkulturelle Kompetenz auch in den Unternehmen." Zudem könnten anonymisierte Bewerbungen ohne Foto und Namen - wie es sie in anderen Ländern bereits gibt - zu mehr Gleichberechtigung am Ausbildungsmarkt beitragen.

Insgesamt macht die Studie aber auch Hoffnung: So behandelten drei Viertel aller Unternehmen die Bewerber genau gleich, egal welchen Nachnamen sie hatten.

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